10 Jahre Allianz-Lizenzen an der TIB – ein kurzer Blick zurück

Die TIB beteiligt sich aktiv an der Gestaltung wissenschaftlicher Informationsversorgung und gibt im Rahmen erfolgreich verhandelter Allianz-Lizenzen DFG-Fördermittel und umfangreiche Nutzungsrechte an Teilnehmer weiter.

Die Lizenzierung elektronischer Ressourcen innerhalb konsortialer Strukturen[1] ist für wissenschaftliche Bibliotheken in Deutschland mittlerweile Alltagsgeschäft. Dies liegt nicht nur darin begründet, dass durch das gebündelte Einkaufsvolumen i.d.R. günstigere Preise erzielt werden können. Im Vergleich zu bilateralen Abschlüssen besteht darüber hinaus ein wesentlich größeres Verhandlungspotential in Bezug auf Nutzungsrechte und andere Vertragsinhalte, wie Lizenzzeitraum, Gerichtsstand oder Archivrechte. Vor diesem Hintergrund wurde im Jahr 2008 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ein Programm zur Förderung der überregionalen Lizenzierung aufgelegt – zunächst als Pilotprojekt, ab 2011 dann offiziell unter dem Titel Allianz-Lizenz weitergeführt. Dieses Programm setzte auf die Förderung konsortialer Strukturen und eine finanzielle Eigenbeteiligung der Bibliotheken. Es zielte auf aktuellere Lizenzinhalte sowie auf die Verbesserung von Lizenzierungsstandards und löste die bis dahin vollumfänglich geförderten Nationallizenzen schrittweise ab.

Während die DFG derzeit für ganz Deutschland die Wirksamkeit dieses Förderprogramms evaluiert, möchten wir hier an der TIB unsere ganz persönliche Rückschau auf diese letzten 10 (Verhandlungs-) Jahre halten:[2] Als Verhandlungsführer haben wir in diesem Zeitraum insgesamt 24 Förderanträge gestellt, von denen 14 bewilligt wurden.[3] Die Bandbreite der verhandelten Produkte reicht von Zeitschriften der physikalischen bzw. chemischen Fachgesellschaften AIP, IOP und RSC über die Architekturdatenbank DETAIL inspiration bis hin zu ingenieurwissenschaftlichen Volltextdatenbanken (SPIE Digital Library, Scientific.Net) und bildet damit die TIB-Kernfächer fast vollständig ab. Folgende Tabelle fasst diese Produkte, die verhandelten Nutzungsrechte sowie die Zahl der jeweiligen Allianz-Lizenz-Teilnehmer und deren Zugriffe auf die Inhalte noch einmal zusammen.

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Hinter jeder Bibliothek, die sich mithilfe des 25%-igen DFG-Förderanteils an den hier aufgeführten Allianz-Lizenzen beteiligen konnte, steht eine Vielzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die auf diese Weise Zugang zu einer große Bandbreite relevanter Fachinformationen erhalten. Neben den unmittelbaren Vorteilen des direkten Volltextzugriffs und damit verbundener Nutzungsrechte wie z.B. Text und Data Mining profitieren aber sogar solche Forscherinnen und Forscher, deren zugehörige Bibliotheken nicht zum Teilnehmerkreis zählen. Green Open Access und freie Verfügbarkeit kompletter Lizenzjahrgänge nach einer Embargofrist eröffnen auch diesen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern neue Zugriffsmöglichkeiten.

Weil sich die Fächer- bzw. Verlagskulturen innerhalb der einzelnen wissenschaftlichen Fachbereiche zum Teil deutlich voneinander unterscheiden, war es nicht immer einfach, die in den DFG-Grundsätzen formulierten Ansprüche in Bezug auf Lizenzrechte und weitere Vertragsinhalte umzusetzen. Gleichzeitig erwiesen sich die strengen Kriterien in Verbindung mit der 25%igen Förderquote aber auch als ein wirksames Verhandlungsinstrument, um so schließlich doch vorteilhaftere Abschlüsse durchzusetzen. Allerdings musste dabei oft auch ein im Vergleich zu „normalen“ Konsortialverhandlungen deutlich höherer Zeitaufwand in Kauf genommen werden. Dass sich dieser Einsatz letztendlich für alle Beteiligten lohnte, zeigen folgende Zahlen eindrucksvoll:

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Ein charakteristisches Merkmal von Allianz-Lizenzen ist die sogenannte Moving Wall. Es handelt sich dabei um Inhalte, die nach einer gewissen Embargofrist – i.d.R. ein Jahr – allen öffentlich geförderten Einrichtungen in Form einer „klassischen“ Nationallizenz zur Verfügung stehen. Für viele der verhandelten Allianz-Lizenzen hat die TIB in ihrer Rolle als Zentrale Fachbibliothek die Finanzierung übernommen. Etwas mehr als 570.000 € wurden dabei investiert.

Vor dem Hintergrund der wissenschaftspolitisch immer stärker geforderten Transformation wissenschaftlicher Publikationsprozesse hin zu Open Access wurde das DFG-Förderprogramm im Jahr 2017 um eine weitere Ausschreibung ergänzt, die auf entsprechende Transformationsverträge abzielt. Allerdings erweist es sich in der Praxis als schwierig, die Förderkriterien 1:1 umzusetzen. So wurde z.B. mit RSC (Royal Society of Chemistry) ein innovatives Lizenzmodell entwickelt. Die Gesellschaft war aber – vor allem mit der Begründung des zu starken Eingriffs in eigene Geschäftsprozesse – nicht bereit, sich vollständig auf die in der Ausschreibung formulierten Ansprüche einzulassen. Die Zahl der bis zum jetzigen Zeitpunkt gestellten DFG-Anträge ist deshalb noch sehr überschaubar. Die TIB sieht sich dennoch in der Verantwortung, den angestrebten Transformationsprozess im Rahmen ihrer Erfahrung und Verhandlungskompetenz möglichst effektiv zu unterstützen. Dabei wird jedes neue Lizenzmodell daraufhin geprüft, ob es ein angemessenes Kosten-Nutzen-Verhältnis aufweist. Das bedeutet, dass jedes neue Modell sich daran messen lassen muss, ob es eine wirklich sinnvolle und kostenmäßig vertretbare Verbesserung des Status Quo darstellt. Derzeit werden mit einer Vielzahl von Verlagen entsprechende Verhandlungen geführt. Im Rahmen eines gemeinsamen Workshops mit ausgewählten Verlagen werden diese neuen Lizenzmodelle am 26. Juni 2019 an der TIB vorgestellt. Einen Überblick über aktuelle Lizenzangebote finden Sie hier.


[1]  Zur Entstehung und zu den Vorteilen von Konsortien für die Lizenzierung elektronischer Ressourcen siehe ausführlich MITTERMAIER, B./REINHARDT, W. (2015): Lizenzierung elektronischer Medien. In: GRIEBEL, R./SCHÄFFLER, H./SÖLLNER, K./FRANTZ, E. (Hrsg.): Praxishandbuch Bibliotheksmanagement. Berlin: De Gruyter Saur, S. 205–226.

[2]  Es wird die gesamte Dauer des Förderzeitraumes für Allianz-Lizenzen (ab 2011) einschließlich des Pilotprojektes Nationallizenzen für laufende Zeitschriften (2008 bis 2010) betrachtet.

[3]  Es handelt sich um 11 Erstanträge und 3 ebenfalls positiv beschiedene Nachbewilligungsanträge. Weitere 6 Antragsprodukte konnten in klassische Konsortien ohne DFG-Förderung überführt werden.

... ist Referentin für Lizenzen.